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Sonntag, 12. Januar 2020

Konzertbericht MOONSPELL + ROTTING CHRIST +SILVER DUST - 15.12.2019 München/Backstage

Kurz vor dem Jahreswechsel lassen MOONSPELL und ROTTING CHRIST auf einer gemeinsamen Tour nochmals die Muskeln spielen und zeigen dabei einmal mehr, dass beide noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Komplettiert wird der vorweihnachtliche Reigen von SILVER DUST aus der Schweiz.


SILVER DUST

Wie die Jungfrau zum Kinde, dürften SILVER DUST wohl nicht zur Tourbeteiligung gekommen sein. Dennoch erschließt es sich den meisten Konzertgängern nicht (erst Recht nicht, nach dem Auftritt der Schweizer), was damit bezweckt werden sollte.
SILVER DUST (© by metal-is-forever-alive)
Wollte der Tourveranstalter Werbung für die Vielschichtigkeit im Metal machen? Wenn ja, dann waren SILVER DUST mit ihrem obskuren Stilmix (Dark Rock, Groove, Power Metal, Thrash, Industrial uvm.) prädestiniert dafür.
Oder wollten die beiden Hauptacts zeigen, dass sie ein Herz für "hoffnungslose" Fälle haben? Dann haben sie mit SILVER DUST einen der Top-Acts aus dieser Kategorie gefunden.
Oder liegen wir mit beiden Vermutungen völlig daneben und SILVER DUST wollten einfach nur ihre Steampunk/Gothica Klamotten vor großen Publikum einmal vorführen dürfen?
Fragen über Fragen. Leider konnte am Ende keine davon beantwortet werden. Nur eines kann nach ca 30 Minuten mit Bestimmtheit gesagt werden: Möge der Schleier des Vergessens sich schnell über diesen Auftritt legen.


ROTTING CHRIST

ROTTING CHRIST (© by metal-is-forever-alive)
Wie gut, dass es nun mit ROTTING CHRIST weitergeht, einer der besten Live-Bands des Planeten. Bereits wenige Sekunden des Openers "666" genügen, um die Gehörgänge durchzupusten und vorangegangene Qualen vergessen zu machen.
Die Griechen setzen dabei wie üblich weniger auf visuelle Effekte (sieht man einmal von den fliegenden Haaren der Musiker ab), sondern lassen musikalische Taten sprechen. Und hier haben ROTTING CHRIST jede Menge zu "erzählen". Können Sakis Tolis & Co inzwischen doch auf 32 Jahre Bandgeschichte zurückblicken und auf eindrucksvolle 13 Longplayer zurückgreifen.
ROTTING CHRIST (© by metal-is-forever-alive)
Dabei herausgekommen ist heute Abend eine 65-minütige Machtdemonstration einer top motivierten und spielfreudigen Band (keine Selbstverständlichkeit nach 49 Konzerten in 52 Tagen), die mit ihrem drückenden und glasklaren Sound nicht nur die Boxen des Backstage Werk bis zum Anschlag strapaziert, sondern auch dem Publikum alles abverlangt. Selbiges geht zu Songs wie "In Yumen - Xibalba", "Kata Ton Daimona Eaytoy", "Fire, God and Fear" oder "Societas Satanas" so dermaßen derbe ab, dass man sich unweigerlich die Frage stellt, wie zum Teufel wollen MOONSPELL das toppen? Den hunderten Kehlen, die nach getaner Arbeit, die Griechen lautstark abfeiern, stellt sich diese Frage offentsichtlich nicht, haben sie doch bereits ihren Headliner gesehen.


MOONSPELL

MOONSPELL (© by metal-is-forever-alive)
Was man anhand der Fanreaktionen nach dem ROTTING CHRIST Gig bereits erahnen konnte, findet nun tatsächlich statt: Ein (wenn auch kleiner) Teil der Zuschauer tritt jetzt schon die Heimreise an und der verbliebene Rest muss nun mit seinen Kräften haushalten, so dass MOONSPELL mit einem (anfänglich) relativ geräusch- und bewegungsreduziertem Publikum vorlieb nehmen müssen.
Da hilft kein Jammern und Wehklagen, also Augen zu und durch. Wobei der Spruch mit den geschlossenen Augen wohl doch keine so gute Idee war, würde man doch so einen durchaus ansprechenden Auftritt von Fernando Ribeiro & Co verpassen. Obwohl sich MOONSPELL um einiges ruhiger als eben noch ROTTING CHRIST präsentieren, was sich in der Natur der unterschiedlichen musikalischen Ausrichtungen erklärt, entwickelt sich (nach Anlaufschwierigkeiten) eine Show, die durchaus der eines Headliners würdig ist.
MOONSPELL (© by metal-is-forever-alive)
Nachdem der Einstieg in das Set mit drei Songs vom aktuellen Album "1755"  noch realtiv verhalten, seitens des Publikums aufgenommen wurde, kommt spätenstens ab Titel Nr. 4 von der Setlist ("Opium") Bewegung und Stimmung in die Menge vor der Bühne. Man kann förmlich die Erleichterung bei Fernando Ribeiro spüren, hier und jetzt doch keinen livehaftigen Schiffbruch erleiden zu müssen.
                                             
MOONSPELL (© by metal-is-forever-alive)
Von hier an frisst ihm das Münchner Publikum nun auch (dankbar) aus der Hand und lässt sich von ihm durch die abwechslungsreiche Setlist leiten. Eine bestens aufgelegte Band, sowie die ein oder andere Showeinlage (u.a. ein Sprung von Fernando in den Fotograben, um Fanhände zu schütteln) runden den Auftritt ab. Der kultige Dreierschlag zum Ende der regulären Spielzeit ("Mephisto", "Vampiria", "Alma Mater") sorgt dann auch noch für Gänsehautfeeling und lässt sogar die Anlaufschwierigkeiten vergessen.
Nach einer kurzen Verschnaufpause kehren MOONSPELL dann nochmals zurück, um mit "Todos os Santos" und "Full Moon Madness" den Deckel auf den Abend zu machen.

Zum Jahresende gab es in München ein Wechselbad der Gefühle zu erleben: SILVER DUST sorgten mit ihrem Auftritt für (zumeist) ungläubiges Schulterzucken und die ein oder andere "What the Fuck?" Fragestellung im Publikum - ROTTING CHRIST haben die Kategorien Euphorie und Ekstase abgedeckt - und MOONSPELL waren für Nostalgie und Routine verantwortlich. Mehr Abwechslung geht kaum. (JK)


Sonntag, 15. Dezember 2019

Konzertbericht INSOMNIUM + THE BLACK DAHLIA MURDER + STAM1NA - 27.11.2019 München/Backstage

Still wie ein Grab? Von wegen! Die aktuelle Konzertreise von INSOMNIUM ist alles, nur nichts für Leisetreter: Tour Like a Grave 2019
Komplettiert wird die Tour von den amerikanischen Death Metal/Metalcore Größen THE BLACK DAHLIA MURDER und der finischen Thrash Kapelle STAM1NA. Eines kann man jetzt schon vorwegnehmen: Hochklassiger und abwechslungsreicher besetzt, als diese Tourzusammenstellung, waren in jüngster Vergangenheit nur wenige. Ergo: Das Werk, die größte der drei Hallen im Backstage ist rappelvoll - und das mitten in der Woche.


STAM1NA

Los geht es an diesem "Heavy Metal Wednesday" (O-Ton STAM1NA) mit unbekümmert gezocktem Thrash Metal, der selbst gestandenen Death Metal Anhängern binnen kürzester Zeit fette Schwitzflecken ins Shirt treibt.
STAM1NA (© by metal-is-forever-alive)
Bei den meisten (so auch mir) dürfte das finnische Quintett bisher komplett unter dem Radar geflogen sein. Warum eigentlich? So wie sich SATM1NA heute Abend hier präsentieren, hat die Truppe definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient. Sicherlich steht nicht jedem, der auf Melo Death Metal ala INSOMNIUM gebürstet ist, der Sinn  nach einer Thrash Abreibung. Doch alleine die Tatsache, wie druck- und elanvoll STAM1NA auftreten und mit ihren genreuntypischen Anleihen bei Heavy Metal und finnischer Folklore ein ums andere Mal das Momentum für sich zu nutzen wissen, verdient Anerkennung. Da der Großteil der Zuschauer heute Abend ähnliche Gedanken hegt, entwickelt sich der 35-minütige Auftritt von STAM1NA innerhalb kürzester Zeit zu einem kurzweiligem Trip, der nach getaner Arbeit nur Gewinner hinterlässt.


THE BLACK DAHLIA MURDER

Für den nächsten Kontrastpunkt bei diesem Package sorgen THE BLACK DAHLIA MURDER.
THE BLACK DAHLIA MURDER (© by metal-is-forever-alive)
Obwohl Michigan's Finest Death Metal Konglomerat ganz klar dem Todesblei-Spektrum zuzuordnen ist, dürften viele bisher aber einen Bogen um die Truppe gemacht haben. Der Grund hierfür dürfte in der allgegenwärtigen Nähe zum (oftmals) ungeliebten Death Metal Stiefbruder Metalcore zu suchen sein. Auch der relativ unspektakuläre (um nicht monoton zu sagen) Gesangstil von Trevor Strnad trägt sein übriges dazu bei, um ältere Semster davon abzuhalten, wie Rumpelstilzchen abzugehen. So ist der Fokus von THE BLACK DAHLIA MURDER ganz klar auf die U40 (U30?) Gefolgschaft gerichtet.
THE BLACK DAHLIA MURDER (© by metal-is-forever-alive)
Und die fühlt sich von der dreiviertelstündigen Darbietung offentsichtlich gut unterhalten. Nur beim Versuch, einen Moshpit zum Laufen zu bringen, scheitert selbige kläglich. Gerade einmal eine Handvoll Meatlheads lässt sich dazu animieren, hüpft dabei aber eher waldorfschulenmäßig, als martialsich im Kreis herum. Auch das Bühnenacting von THE BLACK DAHLIA MURDER ist ausbaufähig - drei Schritte zurück und drei nach vorne, viel mehr ist nicht. Dafür strotzen die Songs vor Energie: "Jars", "Warborn", "Nightbringers", "Kings of the Nightworld", "Everything Went Black" strapazieren arg die Nackenmuskulatur und schlagen dabei generationsübergreifend Brücken. "Deathmask Divine" beendet einen durchwachsenen Auftritt von THE BLACK DAHLIA MURDER, der am Ende kaum neue Fans gebracht haben dürfte, aber eben auch keine der ersten Stunde verprellt hat.


INSOMNIUM

Nach jeder neuerlichen Veröffentlichung wächst die Anzahl derer an, die vom Melo-Death.Metal der Finnen nicht genug bekommen können. Resultat: Die Hallen werden auf jeder Tour größer. Wenn diese Entwicklung genauso weiter geht, dürfte die aktuelle Tour wohl die letzte sein, bei der man die Truppe noch relativ hautnah erleben kann. Bevor dieser Schritt aber vollzogen werden muss, lasst uns noch den Status qou in relativ intimer Umgebung (gemeinsam mit ca 1000 weiteren Konzertgängern) genießen.
INSOMNIUM (© by metal-is-forever-alive)
INSOMNIUM (© by metal-is-forever-alive)
Los geht's mit einem Doppelschlag ("Valediction", "Neverlast") vom aktuellen Album. Das Erstaunliche daran ist, obwohl "Heart Like a Grave" erst seit wenigen Wochen auf dem Markt ist, dass nahezu die komplette Location dazu so derbe abgeht, als würde wir uns schon im Zugabenblock befinden und die Songs seit etlichen Jahren zum festen Bestandteil jeder Show gehören. Was wiederum beweist, dass INSOMNIUM mit "Heart Like a Grave" alles richtig gemacht haben. Um dies zu unterstreichen kommen heute Abend gleich sechs Tracks (hauptsächlich im Mittelteil der Show) von besagtem Album zu Live-Ehren.
Der Rest der Setlist gleicht einer Best-of-Zusammenstellung, der seit über 15 Jahren andauernden Erfolgsgeschichte, wobei (leider) die ersten beiden Alben gänzlich ignoriert werden.
Ein Umstand, der aber mehr als verschmerzbar ist. Dürfte dies hier und heute doch einer der besten Auftritte von INSOMNIUM sein - ever! Passt an diesem Mittwoch doch einfach alles: Sound, Lightshow, Songauswahl, Band, Publikum - alles top!
Ein weiterer Höhepunkt, wenn nicht gar DER Höhepunkt der Show: "One for Sorrow" in einer Akustik-Version, von Markus Vanhla und Jani Liimatainen, am Bühnenrand sitzend und mit Cowboyhüten austaffiert, vorgetragen. Howdy!
"Heart Like a Grave" setzt den Schlußpunkt hinter eine beeindruckende Performance von INSOMNIUM, die für viele sicherlich zu den Konzert-Highlights des zu Ende gehenden Jahres 2019 zählen dürfte. Wohl dem, der dabei war! (JK)


Konzertbericht SWALLOW THE SUN + OCTOBER TIDE + OCEANWAKE - 13.11.2019 München/Backstage

Kaum dass es draußen wieder kühler wird, besteigen die finnischen Death Doomer von SWALLOW THE SUN den Nightliner und fahren zusammen mit OCTOBER TIDE und OCEANWAKE eine Tour, die sich genau zwischen Helloween, dem Buß- und Bettag, sowie dem Totensonntag bestens aufgehoben fühlt: "When a Shadow is Forced Into the Light Tour 2019 - Pt. II"


OCEANWAKE

Wer dieses Tourpackage zusammengestellt hat, hat sich definitiv was dabei gedacht. Nicht nur, dass alle drei Bands stilistisch harmonieren, auch die Tatsache, dass sich der Abend von der Intensität langsam steigert, hat was von (gewollter) Inszenierung.
OCEANWAKE (© by metal-is-forever-alive)
Um entspannt in den Abend reinzukommen, hat der Tour-Regisseur (nennen wir diese(n) Unbekannte(n) mal so) die finnischen Slow-Motion Strategen von OCEANWAKE auserkoren, mit ihrem Death/Doom/Post Metal Mix das melancholische Fundament für den weiteren Verlauf des Abends zu zementieren.
Mit "Radiant Nightbreak", dem Opener, gelingt dies aber nur bedingt, da viele Zuschauer dem Treiben auf der Bühne zwar interessiert, aber wenig enthusiastisch Beachtung schenken. Und so löst sich der anspruchsvolle Gedanke, was Dramaturgie und Bandbesetzunge betrifft, innerhalb von Minuten auf. OCEANWAKE bekommen in den nächsten 25 Minuten zwar noch einigermaßen die Kurve (vor allem dann, wenn es mal etwas härter wird), verlassen aber letztendlich die Bühne, ohne auf der selbigen, bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.


OCTOBER TIDE

Ein komplett anderes Bild bietet sich dem Konzertgänger nach einer angenehm kurz gehaltenen Umbaupause. Wo eben noch (weitesgehend) Anspruch und Realität nicht zusammen passen wollten, greift nun ein Rädchen ins andere.
OCTOBER TIDE (© by metal-is-forever-alive)
Nicht nur dass die Schweden um ex-KATATONIA Gitarrist Frederik Norrman um einiges heftiger als ihre finnischen Tourgenossen von OCEANWAKE unterwegs sind, auch die einzelnen Komponenten im Death/Doom Gebälk von OCTOBER TIDE versprechen (und halten) wesentlich mehr Abwechslung und Intensität. Nicht ganz schuldlos daran ist sicherlich die Tatsache, dass OCTOBER TIDE mit "In Splender Below" ein neues, starkes Album im Gepäck haben. Mit "I, the Polluter" und "Ögoblick Av Nåd" von besagtem Album lassen die Schweden dann nicht nur die Halle erbeben, sondern zeigen dabei auch noch eindrucksvoll, dass Midtempo durchaus kraftstrotzend und spannend sein kann. Überhaupt hat man den Eindruck, dass OCTOBER TIDE seit ihrem Comeback vor zehn Jahren nicht nur menschlich sondern auch musikalisch gereift sind. Eine in sich stimmige Performance, sowie eine ausgewogene Setlist mit einem Potpourri des bisherigen Schaffens unterstreichen dies. Nach "Adoring Ashes", dem letzten Song des Auftritts, gibt es dann auch die verdiente Anerkennung vom Publikum dafür, in Form von lautstarken Beifallsbekundungen.


SWALLOW THE SUN

Wer sich im Vorfeld mit der Thematik der aktuellen SWALLOW THE SUN Veröffentlichung auseinandergesetzt hat, der dürfte, nachdem das erlöschende Hallenlicht das baldige Erscheinen der Finnen ankündigt, schnell noch einen Drops gelutscht haben, um den (Trauer-)Kloß im Hals in den Griff zu bekommen. Eine spärlich ausgeleuchtete und in Nebelschwaden gehüllte Bühnenkulisse, sowie die Klänge "Lumina Aurea" (vom Band) bilden die perfekte Szenerie für die kommende anderthalbsündige Lehrstunde in Sachen atmospärischen Death/Doom.
SWALLOW THE SUN (© by metal-is-forever-alive)
Mit "When a Shadow is Forced Into the Light" haben SWALLOW THE SUN einen Titel auserkoren, das Set zu eröffnen, der nicht nur Titeltrack des aktuellen Albums ist, sondern auch gleich unverblümt, wenn auch sehr poetisch, auf den Punkt kommt, und vom großen Schmerz (...it rips through your chest, and burns like a fire...) Juha Raivios nach dem Abbleben seiner großen Liebe erzählt. Seufz. Schluck. Schnief. Passend zur Stimmung sind die Protagonisten auf der Bühne in schwarze Umhänge mit (tief ins Gesicht gezogenen) Kapuzen gehüllt, was einer Prozession gleichkommt, es aber auch (nahezu) unmöglich macht, Mimik auf den Anlitzen der Musiker deuten zu können. Da auch Ansagen oder Konversation mit dem Pubilkum auf ein Minimum reduziert wurden, passiert genau das, was SWALLOW THE SUN wohl damit bezwecken wollen: man (oder Frau) leidet förmlich mit.
Was wiederum Annerkenung und Respekt verdient, denn  selten hatte ein Konzert eine passendere Atmosphäre, als heute Abend.
Um diesen besonderen Moment nicht außerfahrplanmäßig zu "gefährden" bringen SWALLOW THE SUN nahezu das komplette "When a Shadow is Forced Into the Light"-Album auf die Bühne. Nur "The Crimson Crown" und "Never Left" kommen nicht zu Live-Ehren. Dass letztgenannter Song nicht geboten wird, empfindet man fast als Erleichterung, liefe man doch ansonsten Gefahr, den Heimweg in Depri-Stimmung antreten zu müssen. Und so entlassen SWALLOW THE SUN  die textlich mitleidende und musikalisch euphorisierte Gefolgschaft mit  "Emerald Forest and the Blackbird" (ohne Anette Olzon) und "Swallow, Horror Part 1"" in die herbstliche Nacht. (JK)


Mittwoch, 6. November 2019

Konzertbericht NILE + HATE ETERNAL + VITRIOL + OMOPHAGIA + FALLCIE - 16.9.2019 München/Backstage"A Vile Desolate Sands Tour 2019"

A Vile Desolate Sands Tour 2019

Die amerikanischen Pharaonen-Verehrer von NILE stehen kurz vor der Veröffentlichung ihres neunten Studioalbums. Um den Fans ägyptischer Mythologie und harter Klänge die Zeit bis zum anvisierten VÖ (1.11.2019) zu verkürzen, brechen Karl Sanders & Co kurzerhand ein ungeschriebenes Metal-Gesetz (erst das Album, dann die Tour) und promoten ihr neues Album auf einer ausgedehnten Europatour, ohne dass der Longplayer die Ohren der Fans in seiner Gesamtheit je erreicht hat. Ein Wagnis, was die Ticketverkäufe angeht? Nicht für NILE! Die Truppe genießt nicht umsonst in der Death Metal Szene eine vorzüglichen Ruf, was die Livequalitäten betrifft. Logische Konsequenz: Es kommt eine ansehnliche Schar an diesem Montag Abend im Backstage zusammen, die sich die Ohren durchpusten lassen möchte.


FALLCIE

Der Opening-Act des heutigen Abend, FALLCIE aus St. Petersburg bekommt mit voller Härte das Resultat von frühen Konzertanfangszeiten unter der Woche präsentiert: Gerade einmal 4 Dutzend (großzügig) durchgezählte Metalheads lassen sich weder vom frühen Beginn (18.30 Uhr), noch von den spätsommerlichen Außentemeraturen davon abringen, dem gewöhnungsbedürftigen Stilmix des russischen Quartetts beizuwohnen.
FALLCIE (© by metal-is-forever-alive)
Dürften Metalcoreklänge für (Technical) Death Metal gewohnte Fanohren schon eine arge Herausforderung darstellen, setzen FALLCIE mit Nu Metal Sound und LACUNA COIL-ähnlichen Vibes noch einen obendrauf. Die Quittung nach 30 Minuten: Null Stimmung, kaum Applaus und der "Ansturm" auf dem Merchstand blieb ebenfalls aus. FALLCIE nehmen es sportlich - dabei sein ist alles!


OMOPHAGIA

Inzwischen hat sich die Anzahl derer, die sich jetzt schon in die Halle trauen, etwas mehr als verdoppelt, so dass sich dem zweiten Act des Abends, mit nun ca. 100 Anwesenden, ein wesentlich erfreuerliches Bild beim Blick von der Bühne bietet, als eben noch zuvor den russischen Kollegen. Auch das musikalische Gewicht der heutigen Veranstaltung gewinnt durch den Auftritt von OMOPHAGIA enorm an Wertigkeit.
                                                                                                   
OMOPHAGIA (© by metal-is-forever-alive)
Wo eben noch Ratlosigkeit, ob des auf der Bühne Dargebotenen herrschte, manifestiert sich nun endlich jene Brachialität und technische Reife, die einem Konzertabend wie diesem würdig ist. Nicht nur, dass das Schlagzeug- und Bassspiel bei OMOPHAGIA einem gekonntem Schlag in den Magen gleichkommt, auch der Rest der Truppe fügt sich nahtlos in das in sich stimmige Gesamtkonzept ein. Warum also in die Ferne schweifen, wenn das Gute auch vor der eigenen Haustür beheimatet sein kann - in diesem Fall in der Schweiz. Nach intensiven 30 Minuten gibt es dafür dann auch ordentlich Applaus.


VITRIOL

Nach dem europäischen (Doppel-)Horsd’œuvre, eröffnen nun VITRIOL aus Portland (Oregon) den us-amerikanischen Drei-Gänge-Hauptgang. Die Band um Tattoo- Fanatiker Kyle Rasmussen hat sich mit Leib und Seele dem Death Metal Verschrieben, allerdings in einer Hochgeschwindigkeitsversion. Verschnaufpausen sind weder angedacht noch erwünscht.
VITRIOL (© by metal-is-forever-alive)
Und so fliegen die rasiermeserscharfen Riffs den (inzwischen reichlich erschienen) Zuschauer ohne Rast entgegen, wie eine aufpeitschende Gischt an einem stürmischen Tag an der Küste. VITRIOL werden mit dieser Attitude sicherlich niemals einen Preis für Abwechslungsreichtum gewinnen, eines jedoch kann man ihnen schon jetzt (nach nur einem Longplayer) zusprechen: technsich gehobenes Niveau und eine Dynamik, die ihresgleichen sucht. Und so war es wohl nie treffender als heute, zu behaupten, die Zeit (ca. 40 Minuten) ist rasend schnell vorbei gegangen. Beeindruckend.


HATE ETERNAL

Ebenfalls rasant, wenn auch ungemein filigraner, geht es nun mit dem Florida-Dampfhammer HATE ETERNAL weiter. Es gibt innerhalb der Death Metal Szene nur wenige Gitarristen, die so detailverliebt und abwechslungsreich (vor allem bei den Soli) wie Erik Rutan vorgehen. Damit hätten HATE ETERNAL eigentlich ein Alleinstellungsmerkmal, welches die Aufmerksamkeit der Zielgruppe erhöhen sollte. Doch Fanliebe bzw. -Ignoranz ist nicht immer nachvollziehbar und manchmal (so auch hier) manchmal eben auch surreal. Und so fristen HATE ETERNAL immer noch ein Nischendasein - zwar ein gern gesehener Gast auf den Bühnen, die Verkaufszahlen der Alben lassen aber nach wie vor zu wünschen übrig.
HATE ETERNAL (© by metal-is-forever-alive)

Diese Diskrepanz ist auch heute Abend zu beobachten.Während die ersten Reihen zu Songs wie "Bringer of Storms", "All Hope Destroyed" oder "I, Monarch" steil gehen, spart sich der hintere Teil der Halle seine Kräfte für den Headliner auf. Wer diese skurril anmutende Hallenaufteilung ausblenden kann, der bekommt eine komplette Stunde lang eine energiegeladene Show geliefert, die zum Ende hin, auch noch Temperaturen in der Halle beinhaltet, die Florida hitzemäßig alle Ehre gemacht haben.



NILE

Nach einer etwas zu lang ausgefallenen Umbaupause präsentiert Karl Sanders gegen 22.30 Uhr München seinen zur Hälfte (Brad Parris nimmt den Platz für Todd Ellis am Tieftöner ein und Brian Kingsland ersetzt Dallas Toler-Wade an der Gitarre) erneuerten Pyramidenforschungstrupp. Wer im Vorfeld gedacht hatte, dass vor allem der Verlust von Dallas Toler-Wade kaum zu kompensieren wäre, sah sich nun einem souverän auftretenden und fingerfertig agierenden Brian Kingsland gegenüberstehen und konnte seine (unbegründeten) Sorgen um die technische Extraklassevon NILE innerhalb von Minuten ad acta legen.
NILE (© by metal-is-forever-alive)
Wenn es überhaupt einen Grund für die ein oder andere (minimale) Sorgenfalte an diesem Abend gab, dann nur wegen des teilweise etwas sperrig wirkenden neuen Liedmaterials ("Long Shadows of Dread", "Vile Nilotic Rites", "Snake Pit Mating Frenzy"), welches Karl Sanders & Co geschickt unter die repräsentative Setlist gemischt hatten. Ob diese Momentaufnahme bestand hat, kann erst nach Veröffentlichung von "Vile Nilotic Rites" abschließend beantwortet werden. Bis dahin kann man sich an den wertigen Pharaonengaben wie beispielsweise "The Blessed Dead", "Kafir!", "Kheftiu Asar Butchiu", "The Howling of the Jinn", "Sarcophagus" erfreuen und sich dabei von Anubis und seinen Wächtern der Unterwelt amtlich die Rübe abschrauben lassen. Das letzte Wort des Abends haben aber die "Black Seeds of Vengeance", mit denen NILE zu später Stunde (für einen Montag Abend), den Punkt hinter eine langes, schweißtreibendes Afterwork-Death-Metal-Event setzen.


Über den Sinn/Unsinn von frühen Konzertanfangszeiten unter der Woche wurde bereits an anderen Stellen ausführlich diskutiert, deshalb wollen wir an dieser Stelle nicht noch ein weiteres Fass aufmachen. Die Frage, ob es allerdings fünf Bands an einem Abend braucht, kann ich mir aber nicht verkneifen. Zumal der Opening-Act (wie so oft) eher als PA- Tester zu werten war, als ernstzunehmnder Einheizer. Neverthelees: Ein insgesamt mehr als zufriedenstellender Konzertabend, der einmal mehr gezeigt hat, dass gut gemachter Death Metal immer noch begeistern kann. (JK)



Mittwoch, 24. Juli 2019

ASP - Konzertbericht - 3.5.2019 - München - Muffathalle

Schöne Menschen, "Hejo Hejo Hejo"-Rufe und die Mini Playback-Show on Stage
oder
20 Jahre ASP - Die Pentagrammophon-Tour 2019

Kinder wie die Zeit vergeht. Man mag es kaum glauben, aber es ist doch tatsächlich schon zwei Dekaden her, als uns der schwarze Schmetterling zum ersten Mal in Verzückung versetzte. Auf die Frage "Hast du mich vermisst?", die uns Alexander "Asp" Spreng damals in Form des Album-Titels stellte, konnte es folglich nur eine Antwort geben: "Ja, wir haben dich vermisst!". Und zwar so sehr, dass ASP (verdientermaßen) auch 20 Jahre später immer noch als DAS verbindende Brückenglied der in schwarzen Klamotten gewandeten Szenen (Gothik, Metal, Rock) gefeiert werden. Da ist es fast schon logisch, dass das heutige Konzert in der Muffathalle zu München ausverkauft ist.


THE LITTLE BIG MAN

Über die Vorband des heutigen Abends gab es verschiedenste Informationen im Vorfeld des Konzerts zu lesen/hören. Durchgesetzt hatten sich letztendlich zwei Varianten. Erstens: Bei THE LITTLE BIG MAN handelt es sich um eine von ASP inspirierte Band. Zweitens: Der Opening-Act ist eine ASP Coverband. Drittens: Beides falsch!
THE LITTLE BIG MAN ist, wenn man so will, nämlich der kleine EBM Bruder von ASP bzw. ein Trio, welches aus den beiden Gitarristen Lee (Nachname unbekannt) und Lutz Demmler, sowie dem Sänger (surprise, surprise) Alexander Spreng besteht. Definitiv eine gelungene Überraschung!
Weniger gelungen, wenn nicht gar eine mittelschwere Enttäuschung, ist die Art und Weise, wie die knappe halbe Stunde dieser speziellen "Vorband" gestaltet wurde - nämlich zu großen Teilen aus der Konserve: Drumcomputer meets Synthesizer-Tape-Recorder. Und wäre nicht der livehaftige Gitarrensound und die phantastische Stimme von Asp allgegenwärtig gewesen, hätte nur noch Marijke Amado gefehlt, um die Nummer komplett in die Tonne kloppen zu können.


ASP

Als wäre dies eben nicht genug der Gimmicks gewesen, folgt nun auch noch eine halbstündige Umbaupause. Warum auch immer? Haben THE LITTLE BIG MAN ihre "Show" doch auf geschätzt 4 m² abgezogen und bis auf ihren beiden Gitarren nichts "Fremdes" auf die Bühne mitgebracht, was nun großartig entfernt werden müsste. Anyway.
Als gegen 21 Uhr das Hallenlicht erlischt, brandet lauter Jubel auf, bekommen die ca 1200 Zuschauer nun doch endlich das geliefert, weswegen man (oder Frau) eigentlich gekommen ist: 20 Jahre ASP.
In den folgenden zweieinhalb Stunden brennen ASP ein retroprespektivisches Hitfeuerwerk ab, welches nahezu keine Wünsche offen lässt und dabei alle Schaffensphasen der Frankfurter Truppe abdeckt: "Schwarzer Schmetterling", "Denn ich bin der Meister", "Astoria verfallen, "Rücken an Rücken", "Ich bin ein wahrer Satan", "Schwarzes Blut" etc. pp. Wessen Blut bei diesem hochklassigem Griff in die musikalische Schatzkiste von ASP nicht in Wallung kommt, ist entweder aus Holz, oder ganz einfach auf der falschen Veranstaltung.
Besondere Erwähnung verdienen sich zudem "Abertausend Fragen" (moderiert, gesungen und gelebt von einem Asp, der alleine hier das Eintrittsgeld wert war), "Osternacht" (mit männlicher Kantorka aus dem Publikum und Handpuppe), sowie "Küss mich" (zum ersten Mal seit dreizehn (!) Jahren wieder im Repertoire).
Nicht ganz so passen wollen hingegen die unzähligen und karnevalssitzunganmutenden "Hejo-Hejo-Hejo" Rufe und die arg an den Musikantenstadl erinnernden einfältigen Mitklatsch-Orgien seitens des Publikums.
Da aber heute Abend laut Alexander Spreng nur schöne Menschen anwesend sind und sich die meisten davon nicht an diesem seltsamen Gebaren zu stören scheinen, schnell weiter im Text.
Das mit einem Augenzwinkern angekündigte und leidenschaftlich vorgetragene "Ich will brennen" läutet das nahende Ende der musikalischen Reise durch 20 Jahre ASP  ein, bevor mit "Fortsetzung folgt..." der finale Punkt hinter den heutigen Abend gesetzt wird.

Bleibt abschließend nur noch zu hoffen, dass "Fortsetzung folgt..." als Versprechen in die Zukunft zu werten ist und ASP uns 20 weitere Jahre an ihrem Können, ihrer Poesie und ihrer Leidenschaft teilhaben lassen. (JK)

Konzertbericht VICIOUS RUMORS + AIR RAID + MAGISTARIUM - 16.4.2019 München/Backstage

Vicious Rumors lassen den Digital Dictator hochleben - 30th Anniversary Tour


Nicht ist so beständig, wie die Tatsache, dass VICIOUS RUMORS nie zweimal in der selben Besetzung auf Tour gehen. So auch heuer.
War auf der letzten ausgedehnten Europa Tournee noch Nick Holleman mit dabei, darf sich nun Nick Courtney am Mikro versuchen. Nicht zu vergessen, das zweite Gastspiel von Brian Allan, der zwischen Nick 1 und Nick 2 kurz mal als Platzhalter fungieren durfte.
Bei diesem Wechselreigen blickt eigentlich schon lange niemand mehr durch und nicht wenige würden am liebsten eine Zeitmaschine besteigen, die einen in die Jahre zwischen 1986 und 1995 zurückbefördert.  Da wurde Kontinuität nämlich so buchstabiert: C a r l  A l b e r t.
Aus jener Zeit stammt auch jenes Album, welches aktuell auf der 30-Anniversary-Release-Tour komplett zu Live-Ehren kommt: "Digital Dictator"
Heißen wir also die Soldiers of the Night willkommen!


MAGISTARIUM

Bevor jedoch Geoff Thorpe & Co an die Instrumente dürfen, heizen MAGISTARIUM den Massen ein. Wobei "einheizen" und "Massen" nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Zwar füllt sich der kleine Club im Münchner Backstage peu a peu, von Ansturm kann zu früher Stunde aber noch nicht gesprochen werden. Und so mühen sich die fünf Hannoveraner Herren auf der Bühne redlich in den ersten Minuten ihres Gigs, um zumindest ein wenig Stimmung in die Hütte zu bekommen. Was nur bedingt funktioniert. Der Symphonic Power-Metal mit Prog-Würze, den MAGISTARIUM kredenzen, ist (zumindest heute Abend) nicht dafür gemacht, um ein Publikum in Verzückung zu versetzten, dass sich nach einer Oldschool-Dröhnung sehnt. Da hilft es dann auch wenig, dass Sänger Oleg Rudych eine klassische Gesangsausbildung genossen hat. Nur zur Pumpkin Zugabe "I Want Out" (zu großen Teilen auf russisch vorgetragen!) kommt durchgängig Bewegung ins Publikum, so dass zumindest der Abschluß zum einheizen der Massen (inzwischen ist der Club auch ordentlich gefüllt) taugt.


AIR RAID

Obwohl die Schweden mit ihrer flinken Heavy Metal Interpretation ebenfalls nicht im selben Gefilde, wie der Headliner auf Beutezug geht, ist bei AIR RAID von der ersten Minuten an Alarm angesagt. Wie ausgewechselt wirkt nun das Publikum, dass zu Songs wie "Aiming for the Sky", "Demon's Eye", dem YNGWIE MALMSTEEN Cover "Rising Force" oder "Hold the Flame" abgeht, wie der alterhrwürdige Duracell-Hase. Wo eben bei MAGISTARIUM weitesgehend noch Stehblues angesagt war, geht das Publikum nun ab, als ob bei jedem Zuschauer ein Batteriewechsel vorgenommen wurde. AIR RAID wissen anscheinend selbst nicht wie ihnen geschieht, was der ein oder andere ungläubige Blick ins Publikum verrät. Anyway. Selten war eine knappe Dreiviertelstunde (gefühlt) so schnell rum, wie heute Abend. Top Soundverhältnisse und eine Band, die vor Agilität nur so strotz, tragen ihr übriges dazu bei, dass dieser Auftritt bei den meisten der Anwesenden den Moment überdauern wird.


VICIOUS RUMORS

Nun wird es feierlich: 30 Jahre Digital Dictator. Welch bockstarkes Album VICIOUS RUMORS damals rausgehauen haben, war wohl den wenigsten seinerzeit bewußt. Dem damaligen Zeitgeist entspechend und gleichzeitig seiner Zeit voraus. Können nicht viele Alben von sich behaupten. Und so läuft das Album auch heutzutage immer noch locker flockig rein.
Dementsprechend erwartungsfroh schauen alle Richtung Bühne als Geoff Thorpe, Larry Howe und der (wie es anmutet) beliebig oft austauschbare Rest der Truppe zu den Klängen des Intros "Replikant" einmarschiert. Inzwischen dürfte die Liste der ehemaligen Mitglieder von VICIOUS RUMORS mehr Namen beinhalten, als das Telefonbuch manch einer Kleinstadt. Neueste Einträge: Cody Green (Bass) und Nick Courtney (Gesang). Gitarrist Gunnar DÜGrey, der schon ein paar Monate länger dabei ist, komplettiert das "Jugend forscht" Team bei VICIOUS RUMORS.
Irgendwie schon schräg, dass momentan 3/5 von VICIOUS RUMORS noch nicht geboren waren bzw. noch einen Schnuller zum einschlafen gebraucht haben, als "Digital Dictator" veröffentlicht wurde. Und so kommt es, wie es (leider) kommen muss: Die (heutigen) Show kommt hüftsteif rüber. Die Jungen trauen sich nicht und an Geoff nagt der Zahn der Zeit. Kaum Stageacting, nahezu kein Headbanging und noch viel weniger Ausstrahlung geht von der Bühne aus. Einzig und allein Larry Howe hält die (wilde) Flamme des Heavy Metal bei VICIOUS RUMORS noch am Leben.
Den Songs kann diese Darbietung (zum Glück) nichts anhaben. "Minute to Kill", "Lady Took a Chance", "R.L.H." und wie sie alle heißen, funktionieren auch heute noch. Auch in dieser Konstellation, da es zumindest an der technischen Umsetzung und der stimmlichen Präsentation nichts zu bemängeln gibt.
Nichts zu bemängeln gibt es auch an der Setlist. Ganze 9 Tracks legen VICIOUS RUMORS noch zum komplett durchgezockten "Digital Dictator"-Album obendrauf - Respekt!
Und so findet der Abend trotz des ein oder anderen Kritikpunkts doch noch einen halbwegs versöhnlichen Abschluß! (JK)


Mittwoch, 3. April 2019

Konzertbericht KILLFEST 2019 / OVERKILL + DESTRUCTION + FLOTSAM & JETSAM + CHRONOSPHERE - 10.3.2019 München/Backstage

Wähernd halb Deutschland insgeheim darauf hofft, ohne Abschläge in Frührente gehen zu können, haben die Thrash-Initatoren der 1980er Jahre alles Mögliche im Sinn, nur nicht den Ruhestand.
Würde im Fall von OVERKILL, DESTRUCTION und FLOTSAM AND JETSAM auch kein Mensch verstehen. Erleben doch alle drei Bands momentan ihren zweiten, wenn nicht gar dritten Frühling.
Da der Frühling aber auch immer Neues zum Vorschein bringt, komplettieren CHRONOSPHERE den kultigen Dreierpack auf der Killfest-Tour 2019.


CHRONOSPHERE

Unverhofft kommt oft. Weil die Australier MESHIAAK ihr Tour-Engagement kurzfristig canceln mussten und schnellstmöglich ein adäquater Ersatz her musste, schlägt nun die (halbe) Stunde von CHRONOSPHERE. Eine Chance, die die vier jungen Griechen am Schopf packen wollen. Ein Vorhaben, dass jedoch von Anfang an zum Scheitern verurteilt war - zumindest heute Abend.
Vor Beginn des Auftritts gab es schon Probleme beim Soundcheck, so dass CHRONOSPHERE verspätet auf die Bühne kamen. Doch damit nicht genug: Von Anfang an wollte die zweite Gitarre nicht so wie sie sollte, was letztendlich dazu führte, dass Spyros Lafias den Stecker zog und ab dem dritten Song nur noch als Sänger fungierte - worunter wiederum der Sound von CHRONOSPHERE massiv an Durchlagskraft verlor.                           
CHRONOSPHERE (© by metal-is-forever-alive)
Die Griechen versuchten noch zu retten, was eigenlich in der Kürze der Zeit nicht mehr großartig zu retten war und schüttelten von nun an ihr Haupthaar um so heftiger zum abgespeckten Sound. Nett anzusehen, mehr aber auch nicht. Nur zum letzten Song des kurzen Auftritts, dem MOTÖRHEAD Cover "Ace of Spades", kam für einen kurzen Moment richtig Stimmung in der Hütte auf. Zu wenig, um ein positves Resümee ziehen zu können. Am Ende dürften CHRONOSPHERE deshalb ihren Auftritt in München unter Rubrik "Außer Spesen nichts bzw nicht viel gewesen" abbuchen.


FLOTSAM AND JETSAM

Was heute Abend beim einem nach Thrash Metal gierenden Publikum möglich gewesen wäre und ist, zeigen FLOTSAM UND JETSAM eindrucksvoll vom Start weg. Obwohl der Phoenix-Fünfer, im Vergleich zu den noch folgenden OVERKILL und DESTRUCTION, seit jeher die Thrashkeule moderater schwingt, bringt die Truppe um Michael Gilbert und Eric A.K. das Publikum innerhalb kürzester Zeit auf Betriebstemperatur.
FLOTSAM AND JETSAM (© by metal-is-forever-alive)
Gute Soundverhältnisse, eine auf den Punkt genau arbeitende Instrumentalfraktion und ein Eric A.K., der mit zunehmenden Alter gesanglich immer besser zu werden scheint, tragen zu gleichen Teilen dazu bei, dass München heute Abend in den Genuss einer kurzweiligen (knappen) Dreiviertelstunde kommt. Auch die Setlist kann sich sehen lassen, beinhaltet sie doch eine bunte Zusammenstellung der FLOTSAM AND JETSAM Historie. Einziges Manko, wenn überhaupt: die mittlere Schaffensphase wurde komplett unter den Teppich gekehrt. Dafür wurde den Frühwerken mit "Desecrator", "Hammerhead", "I Live You Die", "No Place for Disgrace" und der Neuzeit mit "Prisoner of Time", "Iron Maiden", "Demolition Man" und "Recover" ausgiebig Gehör verschafft.


DESTRUCTION

Was Gelsenkirchen kann, kann Weil am Rhein auch. Genauso wie SODOM, die ihr Lineup vor kurzem um einen vierten Mann erweitert haben, laufen DESTRUCTION neuerdings auch als Quartett auf. Mit Damir Eskic hat man nicht nur einen Mann mit ins Boot geholt, der den Altersdurchschnitt bei DESTRUCTION nach unten drückt, sondern dem Badischen Thrash-Schlachtschiff deutlich mehr Virtuosität verleiht.
DESTRUCTION (© by metal-is-forever-alive)
Ein weiterer positiver Nebenaspekt der "Vom Trio zum Quartett Metarmophose": der DESTRUCTION Sound wummert nun noch druckvoller als ohnehin schon aus den Boxen. Und so entwickelt sich der 60-minütige Auftritt der Badener Formation nicht nur musikalisch, sondern eben auch soundtechnisch zu einer Machtdemonstration in Sachen Teutonen-Thrash.
Eine gut durchgemischte Setlist trägt ihr übriges zur Thrash-Till-Death-Sause bei. Dabei fehlen darf natürlich nicht der "Mad Butcher", der wie üblich der Meute die Rübe abschraubt. Aber auch Thrash-Anthems wie "Curse the Gods", "Release from Agony", "Nailed to the Cross", "Life without Sense", "Total Desaster", "The Butcher Strikes Back" und "Bestial Invasion" verfehlen ihre Wirkung heute Abend nicht. Und auch an die Schandtaten der Neuzeit wurde in Form von "Dethroned" gedacht - was will man mehr?


OVERKILL

Genauso wie DESTRUCTION haben auch OVERKILL 1985 ihr Debütalbum auf dem Markt gebracht und gehören seitdem zum unverzichtbaren Kulturgut eines jeden Thrashers. War bei Schmier, Mike & Co schon ordentlich Bewegung im Publikum, steppt bei OVERKILL der Bär nun richtig derbe - und zwar in neongrün.
OVERKILL (© by metal-is-forever-alive)
Wie es sich für ein Konzert der New Jersey Thrash Institution gehört, ist nicht nur die Bühne in diesen Farbton getaucht, auch die Leibchen der Fanmassen leuchten in giftgrünen Lettern. Und die sind heute Abend schneller nassgeschwitzt, als das Hemd eines Klaustrophoben, in einer bis auf den letzten Platz gefüllten U-Bahn zur Wiesnzeit. Schuld daran ist eine Setlist, die es in knapp 90 Minuten schafft, 16 Tracks unterzubringen, die nahezu alle Kultcharakter haben. Von "Electric Rattlesnake" und "Hello from the Gutter", über "Elimination" und "Deny the Cross", bis hin zu "Bastard Nation" und "Mean, Green, Killing Machine" fahren OVERKILL alles auf, was Rang und Namen im Backkatalog des New Jersey Fünfers hat. Nur am Mittelteil der Show scheiden sich die Geister.
OVERKILL (© by metal-is-forever-alive)
Die einen erfreuen sich an den eher selten gespielten bzw. neuen Perlen ("Distortion", "Necroshine" und "Under One"), die anderen gönnen sich hier eine Auszeit, da ihrer Meinung nach tendenziell mittelmäßiges Material durch den Äther gejagt wird. Zum Endspurt ("Feel the Fire", "Rotten to the Core") stehen aber wieder alle geschlossen hinter OVERKILL - in Union We Stand sozusagen. Und auch der Zugabenteil, mit dem schon traditionell aus hunderten Kehlen mitgegröltem "FUCK YOU", sowie "Ironbound" und "Welcome to the Garden State", dem besten Song vom aktuellen Album, lässt keine Wünsche offen - außer vielleicht einem: mögen OVERKILL uns noch lange erhalten bleiben.

Kaum zu glauben: in ein paar Tagen wird Bobby "Blitz" Ellsworth 60 Jahre alt. Während der Großteil seiner Altersgenossen, sich langsam aber sicher, auf der heimischen Couch festsaugt, fegt das New Jersey Thrash Urgestein, wie eh und jeh, über die Konzertbühnen der Welt. OVERKILL sind sozusagen der lebende Beweis dafür, dass Metal im Allgemeinen und Thrash im Speziellen jung hält. Da können Detox, Intervallfasten, Yoga und Co nicht mithalten - Killfest rules!  (JK)


Freitag, 8. März 2019

Konzertbericht GAAHLS WYRD + TRIBULATION + UADA + IDLE HANDS 28.2.2019 München / Backstage (Halle)

Der Zoch kütt - Karneval der schwarzmetalischen Art: Northern Ghost Tour 2019.
Während im Rheinland die Narren mit Kamelle und Strüßje medienwirksam versuchen, den Winter auszutreiben, verhält sich die Sachlage in München etwas anders. So tanzen sich z.B. die Marktweiber am Faschingsdienstag auf dem Viktualienmarkt einen Wolf, nur um anschließend wieder ihr Obst und Gemüse zu horrenden Preisen an die Preißn zu verkaufen.
Auch interessant: Der traditionelle Rosenmontagsumzug findet in München über eine Woche vor dem Rosenmontag statt.
Wem das immer noch nicht narrisch genug ist, der konnte sich auf dem Marienplatz von Mickie Krause zeigen lassen, wie man mit einem Putzlappen auf dem Kopf, zu Playback, auf einer Bühne herumhüpft.
Gut, dass es in Münchens Metal Tempel, dem Backstage, eine Kontraveranstaltung zur christlichen Fastenvorbereitung gab.


IDLE HANDS

Manche Dinge erschließen sich einem erst nach geraumer Zeit, andere wiederum nie: Wie IDLE HANDS zu ihrem Slot als Openig-Act auf dieser Tour gekommen sind, war eine der am meisten diskutierten Fragen an diesem Donnerstag Abend in München. Letztendlich dürfte wohl die Tatsache, dass IDLE HANDS und UADA beide aus Portland/Oregon stammen und zudem auch beim selben Label (Eisenwald) beheimatet sind, die logischste Vermutung dafür sein, dass der Abend mit eher ungewohnten Klängen eröffnet wurde.
IDLE HANDS (© by metal-is-forever-alive)
Mit ihrem Mix aus Heavy Metal (NWoBHM) und Gothic Rock, sowie Okkult-Rock und 80er Jahre Wave Einflüssen sind sie definitiv nicht jedermanns Sache. Genausowenig wie der in den hohen Regionen schiefe Gesang von Gabriel Franco. Und trotzdem kommt der Auftritt der Jungspunde um einiges besser an, als man jetzt vermuten mag. Was zum einen an der jungendlich unbekümmerten Art des Newcomer-Quartetts gelegen haben mag, zum anderen und hauptsächlich aber daran, dass IDLE HANDS ein paar Songs im Angebot haben, die zwar meilenweit von Black Metal/Extrem Metal entfernt sind, denen man aber eine gewisse Aura trotzdem nicht absprechen kann. Dennoch wären sie auf einer "gemäßigteren" Tour mit ähnlich gelagerten Bands um einiges besser aufgehoben, als hier und heute. So gibt es am Ende nur Höfflichkeitsapplaus.


UADA

Nach einer überraschend kurz gehaltenen Umbauspause entern Portlands bekannteste Kapuzenträger die Bühne und eröffnen mit "Natus Eclipsm" kraftstrotzend. Diffuse Beleuchtung und eine konstant vor sich hin arbeitende Nebelmaschine geben dabei den passenden Begleitrahmen zum hämmernden Sound der amerikanischen Newcomer.
UADA (© by metal-is-forever-alive)
Neben den jungen osteuropäischen Vertetern dieser Zunft gibt es momentan nur noch wenige Black Metal Bands (neueren Datums), die das ursprüngliche, rohe Anlitz der dunklen Künste gekonnt mit zeitgemäßen Strukturen verbinden. UADA sind eine davon. Dementsprechend groß ist das Standing, das sich die Truppe innerhalb kürzester Zeit in der Szene erarbeitet hat. Und so wird jeder der fünf überlangen Songs während der Präsentation metaltypisch (Haareschütteln, Devilhorns) abgefeiert und anschließend großzügig beklatscht. Einziger Wermutstropfen heute Abend, der Bass ist etwas zu unspektakulär abgemischt, so dass dem dreiviertelstündigen, hypnotischen Reigen etwas die Wucht genommen wird. "Black Autumn, White Spring" beendet einen Auftritt, der wie üblich in der Schnittmenge von Dynamik und Monotonie (nicht despektierlich gemeint) beheimatet war und den Hype um UADA weiterhin befeuern dürfte.


TRIBULATION

Wie schon zuvor bei IDLE HANDS, kann man sich auch bei TRIBULAION den gesamten Auftritt über den Eindruck nicht erwehren, dass auch diese Herren auf dieser Tour etwas fehl am Platz wirken. Da hilft die Corpsepaint-Schminke im Gesicht der Protagonisten genauso wenig, wie die Nonnenmaskerade von Jonathan Hultén. Letzterer erinnert in seinem Kostüm und mit seinen übertrieben wirkenden Verenkungen sogar mehr an die Mutter von Brian aus "Monty Python's Life of Brian", als an eine vom Weg abgekommene Ordensschwester. Da wir heute aber Weiberfastnacht (Wieverfastelovend) haben, kann man dem ganzen zumindest eine belustigende Art und Weise nicht absprechen. 
TRIBULATION (© by metal-is-forever-alive)
Musikalisch ist die Messe auch schnell gelesen: Spätesten ab dem dritten Song "Lament" stellt sich Langeweile ein, da ein Song wie der andere aufgebaut ist und auch ansonsten nichts überraschendes auf der Bühne passiert, lässt man mal Brians Mutter und ihren Regentanz außen vor. Nur dann, wenn TRIBULATION sich daran erinnern, dass man das Gaspedal auch mal durchtreten darf und ein paar "Death Metal" Zitate miteinarbeiten, rechtfertigen sie ihren Slot als Co-Headliner auf dieser Tour. Und so fällt es zumindest mir nicht schwer, festzulegen, auf was ich in der Fastenzeit (und darüber hinaus) verzichten werde.


GAAHLS WYRD

Die kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Lonplayers stehenden GAAHLS WYRD eröffnen heute, anders als vor 14 Monaten, nicht mit der epischen TRELLDOM Nummer "Steg", sondern mit GORGOROTHs "Sign of an Open Eye". Womit die Richtung, wohin die (musikalische) Reise heute Abend gehen soll, gleich zu Beginn vorgegeben wird: Straight into Hell.
GAAHLS WYRD (© by metal-is-forever-alive)
Passend dazu servieren Gaahl und seine Mitstreiter, dem ohnehin schon ekstatisch aufgeladenem Publikum, ein feines Oldschool-Brett, welches allein schon durch die Präsenz von sechs GORGOROTH Nummer, diesen Namen auch verdient hat.
Obwohl die Setlist nur unwesentlich von der des letzten Besuches abweicht, entwickelt sich heute Abend dennoch ein total unterschiedliches Konzerterlebnis, als noch Ende 2017. Befand man sich seinerzeit von Anfang bis Ende in einem tranceähnlichen Zustand, ob der Magie, die von Gaahl ausging, lässt man sich heute bereitwillig zu einer schwarzen Masse formen, die sich headbangend total verausgabt, während Gaahl auf der Bühne mit seinem schamanischem Auge stets alles im Blick und unter Kontrolle hat. 
GAAHLS WYRD (© by metal-is-forever-alive)
                          Nur beim einzig neuen Song ("Ghosts Invited"), den GAAHLS WYRD heute Abend präsentieren und bei "Incipit Satan", kommt die Szenerie einen Moment zum ruhen und lauscht andächtig den Worten des Meisters. Spätestens zu "Wound Upon Wound" nimmt das wilde Treiben jedoch wieder Fahrt auf und befeuert damit von neuem das lodernde Höllenfeuer der Black Metal Nostalgie. 


Ein satanisches Halleluja für einen Konzertabend, der abwechslungsreicher nicht hätte sein können. Von ungewohnten Klängen (IDLE WINDS), über brachiale Kapuzenmänner (UADA) und einer Nonne im falschen Film (TRIBULATION), bis hin zum anbetungswürdigen Gaahl, der zusammen mit seinen WYRDs, einmal mehr eindrucksvoll gezeigt hat, dass es für eine rundum gelungene Black Metal Show etwas mehr braucht, als das inzwischen bei den meisten Bands übliche Brimborium (Feuer, Räucherstäbchen, Tierblut) - nämlich Charisma und Hingabe. Beides davon hat Gaahl im Überfluss. (JK)


Dienstag, 29. Januar 2019

Konzertbericht BEHEMOTH + AT THE GATES + WOLVES IN THE THRONE ROOM - 11.1.2019 München / Backstage

Seine Unheiligkeit Nergal gibt sich die Ehre und begibt sich nach seiner überstandenen Leukemieerkrankung ein weiteres mal auf Tournee: "I Loved You at Your Darkest".
Begleitet wird das Polnische Quartetto Infernale von den Schwedischen Todesblei-Veteranen AT THE GATES und der US-Amerikanischen Blackgaze Kommune WOLVES IN THE THRONE ROOM.

WOLVES IN THE THRONE ROOM

Wie es sich für Öko-Black-Metal Band gehört, ist das erste was einem bei einem WOLVES IN THE THRONE ROOM Auftritt auffällt bzw.in die die Nase sticht, der penetrante Duft von diversem Räucherwerk mit Waldaroma. Die einen macht es wuschig, den anderen wird übel davon.
WITTR (© by metal-is-forever-alive)
Während sich bei bei den olfaktorischen Reizen die (Wald)Geister scheiden, herrscht bei den akustischen Reizen hingegen Eintracht unter dem, bei wildem Schneetreiben angereistem Metalvolk. Mit ihrem inzwischen zur Perfektion gereiften Mix aus nordischen Riffs und einer von Synthesizerklängen unterstützen naturmystisch angehauchten Atmosphäre, schafft es die Truppe um die Weaver Brüder auch heute, binnen Minuten, die Leute in ihren Bann zu ziehen. Einzig und allein der Sound hinkt der Darbietung auf der Bühne etwas hinterher.
Viel zu schnell ist die halbe Stunde vorüber, die WITTR heute Abend zur Verfügung hatten, in der sie aber immerhin drei ihrer überlangen Songs (alle vom "Thrice Woven" Album) unterbringen konnten.

AT THE GATES

Nach einer erfreulich kurzen Umbaupause von gerade einmal 15 Minuten, betreten Tomas Lindberg und seine Mitstreiter, zu den Klängen von "Der Widerstand", dem Intro des aktuellen Albums, die Bühne. Ein kurzer Gruß, los geht's. Als ersten Song des Abends lassen AT THE GATES den Titelsong von besagtem Longplayer "To Drink from the Night Itself" auf die Anhänger der schwedischen Todesbleilehre los. Und wer dabei seinen Blick kurz auf das Publikums richtet, der kann erkennen, dass nicht wenige zur treuen Gefolgschaft dieser Spielart im allgemeinen und von AT THE GATES im speziellen zählen.
AT THE GATES (© by metal-is-forever-alive)
Was dabei aber ebenso auffällt, ist, dass es auch eine größere Anzahl von Zuschauern gibt, die dem auf der Bühne Gebotenem die kalte Schulter zeigen. Death Metal spaltet also nicht nur den Schädel, sondern auch das Publikum.
Wer aber zumindest ein bisschen was übrig hat für die schwedischen Legenden, der erfreut sich in den folgenden 60 Minuten an einem bunt durchgemischten Set, aus dem neben den üblichen Verdächtigen wie "Slaughter of the Soul", "Suicide Nation" und "Blinded by Fear" auch noch "Death and the Labyrinth" und "At War with Reality" herausstechen.

BEHEMOTH

Hier dauern die Umbauarbeiten auf der Bühne einiges länger als noch zuvor, erklärt sich aber dadurch, dass die Roadies erstmal das Equipment der vorherigen Bands abräumen müssen, die sich beide nur auf der vorderen Hälfte der Bühne austoben durften. Außerdem muss auch noch die Pyrotechnik für die Show "scharf" gestellt werden. Wobei der Begriff "Show" heute Abend wirklich einmal seinen Namen verdient hat.
BEHEMOTH (© by metal-is-forever-alive)
Wo andere ähnlich gelagerte Metal Bands kleckern (Backdrop, Kerzen, Weihrauch, Nebelmaschine), klotzen BEHEMOTH und dringen in Dimensionen vor, die sonst eher in anderen Musiksparten ihre Nachahmer finden.
Kann man die Pyroshow noch als typisch (wenn es sowas gibt) "Metal" bezeichen, sieht es bei den fliegenden Kostümwechseln und der, bis ins kleinste Detail einstudiert wirkenden Performance auf der Bühne, schon etwas anders aus. Jede Bewegung, jeder Laufweg, jede Pose - alles wirkt wie eine Choregraphie. Beinahe könnte man meinen, man wäre bei einem LADY GAGA, ANDREA BERG oder CHER Konzert gelandet. Aber eben nur beinahe. Denn neben der Show, präsentieren BEHEMOTH natürlich auch ihre Musik. Und die bietet keinerlei Angriffsfläche.
BEHEMOTH (© by metal-is-forever-alive)
In die etwas mehr als 80 Minuten, die Nergal, Seth, Inferno und Orion auf der Bühne stehen, packen sie fette 14 Tracks, bei guten Soundverhältnissen selbstverständlich.
Neben fünf Songs vom neuen Album "I Loved You at Your Darkest" geben BEHEMOTH noch eine Hit-Zusammenstellung der Alben "Satanica", "Demigod", "Evangelion" und "The Satanist" zum Besten. Andere Alben werden heute Abend nicht berücksichtigt, was schade, in Anbetracht der gespielten Hochkaräter aber verschmerzbar ist.
Beendet wird der Konzertabend sprichwörtlich mit einem Paukenschlag: Alle vier BEHEMOTHs mit Trommeln, aufgereiht, nebeneinader auf der Bühne stehend und "Coagvla" als letzte Botschaft in die schwarze Nacht schickend.

BEHEMOTH sind endgültig auf dem Thron des Extrem-Metal angekommen und herrschen nun nach Belieben über ein ganzes Genre und beherrschen dabei das große Show-Einmaleins wie sonst keiner.
Man mag darüber denken wie man will, wenn BEHEMOTH dieses Niveau halten können, wird den Polen aber auf absehbare Zeit niemand die Krone entreisen können. Dazu sind die Shows zu perfekt, die Alben zu mächtig und das Talent der vier Musiker zu groß.
Es sollte sich also jeder glücklich schätzen, diesem Spektakel beiwohnen zu dürfen. Umsomehr, wenn Nergal & Co mit solch einem eindrucksvollem Package die Bühnen unsicher machen, wie heuer mit AT THE GATES und WOLVES IN THE THRONE ROOM. (JK)

Konzertbericht EXODUS + SODOM + DEATH ANGEL + SUICIDAL ANGELS - 16.12.2018 München/Backstage

An den vier Sonntagen vor Weihnachten, den Adventssonntagen, soll man sich (laut Kirche) auf den baldigen Geburtstag des Herrn vorbereiten und sich daran erfreuen. Na dann: Macht hoch die Tür, das Tor macht breit, hier kommen die Herren der Thrash-Herrlichkeit!

Eröffnet wird die Weihnachtsfeier der metallischen Art von der griechischen Thrash-Abrissbirne SUICIDAL ANGELS. Wer die Griechen bereits einmal live erleben durfte, der weiß, dass es für eine Veranstaltung dieser Art wohl keinen besseren Opener geben könnte, als die Truppe um Nick Melissourgos.
SUICIDAL ANGELS (© by metal-is-forever-alive)
Mit ihrem unverwechselbaren Mix aus Härte und Groove und Nackenbrechern wie z.B. "Bloodbath" oder "Apokathilosis" bringen die SUICIDAL ANGELS innerhalb kürzester Zeit (heute Abend waren es knapp 40 Minuten) jeden Schuppen in Stimmung. Da springt sogar beim Münchner Publikum, das für seine längere Anlaufzeit bei Konzerten bekannt ist, relativ schnell der Funke über - und das nicht nur in den ersten beiden Reihen.
Nur der Circle Pit bei "Moshing Crew"ging etwas in die Hose, erinnerte die Darbietung doch eher an ein lahmes Feuerballspiel im Sportuntericht, als an einen ekstatischen Reigen unter Thrashern. Abgesehen davon, ist der Auftritt aber aller Ehren Wert und hat seine Aufgabe, das Publikum anzuschwitzen, perfekt erfüllt. Efcharisto.

Die zweite Kerze auf dem Thrash-Metal-Adventskranz hört auf den Namen DEATH ANGEL und hat seit den 1980er Jahren eine immense Leuchtkraft. Die drei Frühwerke der Kalifornier gehören allesamt ins Gebetsbuch eines jeden Tharshers. Da gibt es keine zwei Meinungen. Und auch die Alben nach der Reunion bewegen sich allesamt auf einem hohem Niveau. Ergo: Die Hütte brennt die nächsten 55 Minuten lichterloh!
                                                                                             
DEAT ANGEL (© by metal-is-forever-alive)
Besonders erfreulich dabei: Von den acht Songs die DEATH ANGEL heute Abend vom Stapel lassen, gehören vier dem Debütalbum "The Ultra-Violence" an. Los geht's mit "Evil Priest" von besagtem Album, welches den Grundstein für einen grandiosen Auftritt legt, bei dem nahezu keine Wünsche offen bleiben.
Wo andere Thrash-Kapellen sich in Härte zu übertrumpfen versuchen, setzen DEATH ANGEL eher auf die filigrane Karte. Hier sind im Besonderen die Soli zu nennen, die ein ums andere Mal für Staunen im Publikum sorgen.
Wenn man zudem noch eine Rampensau vom Kaliber eines Mark Osegueda in seinen Reihen hat, kann sowieso nichts mehr schief gehen.
Und so vergeht die knappe Stunde wie im Flug. "The Moth" vom aktuellen Album "The Evil Divide" setzt den Schlußpunkt hinter einem nahezu perfekten Auftritt, der definitiv mehr Spielzeit verdient gehabt hätte.

Nach diesem Abriss von DEATH ANGEL war zu befürchten, dass es SODOM schwer haben dürften dagegen anzustinken. Doch da hat man die Rechnung ohne Tom Angelripper gemacht.
SODOM (© by metal-is-forever-alive)
Der hat nämlich nicht nur aus Deutschlands bekanntestem Trio (sorry Großenkneten) kurzerhand erstmals ein Quartett gemacht, sondern präsentiert mit Frank Blackfire auch noch einen alten Bekannten. Ebenfalls ein alter Wegbegleiter der Gelsenkirchener Truppe findet sich rechts und links auf den beiden Bühnenaufstellern: Knarrenheinz.
SODOM (© by metal-is-forever-alive)

Alles zusammen lässt nur eine Schlußfolgerung zu: SODOM Goes Back to Roots! Wer vorab schon in die neue EP "Partisan" reingehört hatte, der war davon allerdings nicht mehr wirklich überrascht. Dazu ist das neue Material zu oldschool-lastig. Die heutige Setlist übrigens auch.
Bis auf die beiden neuen Songs ("Partisan" & "Conflagration") der aktuellen EP finden sich nur ältere Perlen auf der selbigen. Bei "Agent Orange", "Blasphemer" und "Bombenhagel" geht die Meute sogar so derbe ab, dass Kondenswasser von der Hallendecke tropft. Also alles in bester Ordnung? Nicht ganz.
Wer genau hinschaut, dem fällt auf, dass es SODOM zwar meisterhaft verstehen, die Thrashkeule zu schwingen, aber (leider) massiv an Fingerfertigkeit an der Gitarre verloren haben. Nichts gegen Frank Blackfire, aber einem Bernemann kann er nunmal nicht das Wasser reichen.
Und so wirkt der Auftritt von SODOM letztendlich doch etwas hölzern. Umso mehr, wenn man Vergleiche zum heutigen Auftritt von DEATH ANGEL und EXODUS zulässt.


Womit wir auch schon mittendrin bei EXODUS wären, die ebenfalls, wie ihre kalifornischen Kollegen von DEATH ANGEL, zum heutigen Tourabschluß, einen absoluten Sahnetag erwischt haben.
EXODUS (© by metal-is-forever-alive)
Wie schon zuvor bei SODOM und DEATH ANGEL ist auch bei EXODUS die Setlist auf oldschool gebürstet. So werden neben 2 Songs von "Fabulous Desaster" Album auch noch 5 (!) Tracks vom "Bonded by Blood" Meisterwerk unters Volk gebracht. Dem neuen, alten Sänger Steve Souza kann es nur recht sein, ist sein Gesangsstil doch dafür prädestiniert.
Und so entwickelt sich eine wilde Thrash-Sause, die mit Höhepunkten nur so gespickt ist. Einer dieser Höhepunkte war zweifelsohne der Monster-Circle Pit (inkl Wall of Death) bei "A Lesson in Violence". Was vorher bei SUICIDAL ANGELS nahezu komplett in die Hose ging, sieht hier auf einmal wie aus dem Lehrbuch aus.
                                                 
Aber nicht nur hier gibt das Münchner Publikum nochmals alles. Selten hat man, und zwar von Anfang bis Ende der Show, solch ein wildes Gezappel und kollektives Haareschütteln erleben dürfen, wie heute bei EXODUS. An Verschnaufpausen ist nicht zu denken: "And Than There Were None", "Impaler", "Fabulous Desaster", "Piranha" - ein Hit jagt den anderen.
Da aber jeder wilden Sause etwas Abwechslung gut zu Gesicht steht, ertönt zwischen "Blacklist" und "The Toxic Waltz" auf einmal "Motorbreath" von METALLICA (einige von euch dürften schonmal von ihnen gehört haben).
Der letzte Song des Abends, der gesamten Tour, ist auch der Schluß-Track des "Bonded by Blood" Albums:"Strike of the Beast".
Danach ist Schicht im Schacht und eine ausgepowerte, nassgeschwitzte Meute macht sich auf den Nachhauseweg und erfreut sich daran, dass die weihnachtliche Bescherung heuer schon ein paar Tage früher stattgefunden hat.

Die MTV Headbangers Tour hat sich wieder etabliert und sich innerhalb kürzester Zeit zum metallischen Highlight am Jahresende gemausert. Man darf jetzt schon gespannt sein, welche Bands 2019 für die Extraportion Oldschool-Feeling sorgen werden. Bis dahin: Thrash 'Till Death! (JK)